Die Zeit des Fernunterrichts im Frühling 2020 war sowohl für Lernende als auch für Lehrpersonen ein herausforderndes und einschneidendes Erlebnis. Wie sahen Unterrichtsinhalte und -formen aus? Wie erlebten Lehrpersonen die Zeit des Fernunterrichts? Wir werfen einige «Schlaglichter» auf die Herausforderungen und Chancen des Distance Learning.
Text Lehrpersonen des Gym FMS WMS Thun
Bilder und Videos Schüler*innen und Lehrpersonen des Gym FMS WMS Thun
Beitragsillustration Elena Schranz, 21gS
Nr. 1: Anna Jaun und Samuel Rauber (Bildnerisches Gestalten)
Während des Fernunterrichts hatten die Klassen Zeit, um ein Magazin nach ihrem Gusto zu gestalten. Sie waren selber verantwortlich für den Inhalt, das Layout, die Organisation und die Aufgabenteilung. Wir Lehrpersonen begleiteten das Projekt. Alle erhielten zum Schluss eine gedruckte Ausgabe des Magazins. Es war eine freie Aufgabe, bei der sich die SchülerInnen analogen und digitalen Medien widmen konnten. Entstanden sind vielfältige Beiträge zu unterschiedlichsten Themen, unter anderen auch das Quiz «Welcher Quarantäne-Typ bist du?» (Link zum Quiz / Bilder: siehe Galerie)
Nr. 2: Philippe Anliker (Chemie)
Die Phase des Fernunterrichts hat wieder einmal deutlich aufgezeigt, wie wichtig die Praktika in den Labors unserer Schule sind! Das selbständige Experimentieren war für Schülerinnen und Schüler zu Hause nämlich kaum möglich. Dank stundenlangem Ausprobieren in meiner Küche konnte ich dennoch ein paar «Do-it-@-home-Experimente» zusammenstellen, zum Beispiel ein Video zum Thema «Eigenschaften von Seifen».
(Video: siehe Galerie)
Nr. 3: Hans-Peter Gilgen (Musik)
Als Abschluss im Kunstfach Musik der Klassen 20gS/20gABD war eine Gruppenarbeit mit Video- oder Tonaufnahme als Produkt vorgesehen. Wegen der Pandemie musste die Arbeitsweise total umgestellt werden: Jede Schülerin und jeder Schüler musste den eigenen Anteil am Projekt selber zu Hause mit einfachster Technik aufnehmen; das Zusammensetzen des Produkts übernahm entweder jemand aus der Gruppe oder die Lehrperson. Alle Gruppen arbeiteten nach anfänglichen Hemmungen («Das schaffen wir doch gar nicht…») mit grosser Motivation und Ausdauer; es entstanden rundum schöne und überzeugende Abschlussarbeiten.
Das hier vorgestellte Projekt darf als das gelungenste bezeichnet werden, sowohl musikalisch als auch technisch. Die Gruppe arbeitete völlig selbständig und bewältigte alle technischen Hürden mit Bravour. Nochmals herzliche Gratulation!
Zu hören und zu sehen sind Anna Heim (Violoncello, Klavier, Schnitt und Mixing), Anja Rösch (Gesang) und Aida Smajic (Gesang).
(Video: siehe Galerie)
Nr. 4: Rahel Schneider (Bildnerisches Gestalten)
Mail Art, in den 1960er Jahren aufgekommen, gehört zur Medienkunst. Es geht darum, Nachrichten oder auch Gegenstände auf dem Postweg zu versenden und somit in einen Dialog mit dem Empfänger, der Empfängerin zu treten. Dies haben Schülerinnen und Schüler während der Zeit des Fernunterrichts ausprobiert.
Nebst dem Brief, der Postkarten oder dem Gegenstand sind Briefmarken, Stempel und Codes wichtige Gestaltungsmittel. Es können auch verschlüsselte Botschaften versendet oder erhaltene Nachricht weiterbearbeitet und erneut verschickt werden. So kann in einem grossen Netzwerk ein künstlerischer Austausch entstehen.
Die Schülerinnen und Schüler erhielten den Auftrag, einer ihnen aus dem Zufallsprinzip zugeteilten Person aus der Klasse eine Botschaft aus dem Lockdown zukommen zu lassen. Sie konnten auf die momentanen Geschehnisse Bezug nehmen, ihren Alltag, die Umgebung, Erlebnisse in der Natur usw. dokumentieren. Copy-Art, Collage, Fotografie, Zeichnung, Text, Scherenschnitt, Pop-Up-Karte, 3-D-Grafik – alles war möglich. Vorder- und Rückseite sollten miteinander korrespondieren. Das Trägermedium der Nachricht erhielt durch die sorgfältige Gestaltung eine besondere Bedeutung. Die Karte oder der Brief wurde dem Empfänger bzw. der Empfängerin per Post zugestellt.
Die Reaktion auf die Post ist eine wichtige Komponente der Mail Art. Deshalb wurden alle Karten im Klassenverband per Teams angeschaut. Die Resultate fielen vielfältig und teilweise sehr persönlich aus. Die Schülerinnen und Schüler äusserten sich zum Inhalt und auch zu den Gefühlen, welche die Gestaltungen und die Nachrichten hervorriefen.
Unter gewohnten Gegebenheiten wären die Arbeiten aller Klassen an einer grossen Wand im Schulgebäude nebeneinander präsentiert worden. Nun hat es nur zu einer kleinen Ausstellung einiger weniger Beispiele gereicht.
(Bilder: siehe Galerie)
Nr. 5: Sarah Frey, Markus Wyss (Sport)
Während der Fernunterrichtszeit haben die Ergänzungsfach-Sport-Schülerinnen und -Schüler des dritten Ausbildungsjahres neben zwei verschiedenen Theorieblöcken drei Praxisaufträge erhalten. Die in diesem Kontext entstandenen Videos zeigen einerseits die Vorgabe durch die Lehrpersonen Sarah Frey und Markus Wyss und andererseits die kreativen Ergebnisse von Elina Seiler (21gF) im Bereich Koordination und Lukas Affolter (21gB) zum Thema Ausdauer.
(Videos: siehe Galerie)
Nr. 6: Katharina Suhr (Bildnerisches Gestalten)
«[ … ] wenn du in allerlei Gemäuer hineinschaust, das mit vielfachen Flecken beschmutzt ist, oder in Gestein von verschiedener Mischung – hast du da irgendwelche Szenerien zu erfinden, so wirst du dort Ähnlichkeiten mit diversen Landschaften finden, die mit Bergen geschmückt sind, Flüsse, Felsen, Bäume – Ebenen, große Täler und Hügel in wechselvoller Art; auch wirst du dort allerlei Schlachten sehen und lebhafte Gebärden von Figuren, sonderbare Physiognomien und Trachten und unvermeidliche Dinge, die du auf eine vollkommene und gute Form zurückbringen kannst.» Leonardo da Vinci (vor 1519)
Nachdem die Schüler*innen während des ersten Teils des Lockdowns sich am Computer mit Fragen des Layouts auseinandergesetzt hatten, war es mir wichtig, nun Arbeitsformen und Inhalte zu bieten, die den Blick weg vom Computer führten. So entwickelte ich eine Trainingseinheit zum Thema «Wahrnehmung». Zunächst mussten von den Schüler*innen «gute» Flecken erzeugt und anschliessend, dem Aufruf Leonardo da Vincis folgend, zu Figuren, Landschaften und Gegenständen umgewandelt werden. Ob das, wie ich hoffte, am Familientisch mit der Himbeersauce des Desserts passierte, weiss ich leider nicht. Die besten Flecken sollten abfotografiert, ausgetauscht und ergänzt werden. Im Fragenkatalog auf OneNote entstand eine Sammlung von «guten Fleckenmitteln» und Kriterien für gute Flecken und deren motivgebenden Ergänzungen. Die Schülerinnen mussten sich auf etwas vordergründig sinn- und nutzloses einlassen. Entstanden ist eine Serie von Bildern, für welche die Wahrnehmung des Alltäglichen verschoben, neu interpretiert und neu fokussiert wurde.
(Bilder: siehe Galerie)
Nr. 7: Beat Schlüchter (Humanbiologie)
In der Biologie ist das praktische Arbeiten am Objekt ein zentrales Element des Unterrichts. Dies zeigte sich aber als Handicap im Distanzunterricht, da Demonstrationen und praktisches Arbeiten in der Gruppe nicht mehr möglich waren. Doch es eröffneten sich so auch neue Optionen. In der Humanbiologie haben wir an einem Pouletschenkel exemplarisch den Aufbau des Kniegelenkes angeschaut.
Per Videoanleitung haben die SuS Instruktionen erhalten, wie sie hierbei vorgehen sollen. Die Sektion musste dokumentiert werden. Die letzte Aufgabe bestand dann darin, den Schenkel kulinarisch zu verwerten.
(Video: siehe Galerie)
Nr. 8: Bettina Müller (Englisch)
Der Fernunterricht hat mir eindrücklich vor Augen geführt, weshalb direkte Interaktion für mich als Lehrerin essenziell ist. Vieles, was meine Tätigkeit im normalen Schulalltag ausmacht, basiert auf nonverbalen Rückmeldungen, die ich von den Schüler*innen erhalte. Ich nehme ihre Körpersprache, Mimik und Gestik war und reagiere spontan darauf. Ich sehe, welche Schüler*innen sich intensiv mit einer Aufgabe befassen und welche noch etwas Hilfe und Motivation von mir benötigen. Ich sehe, wer sich die Stirn runzelt oder gelangweilt aus dem Fenster schaut. Ich bin auf diesen unmittelbaren Kontakt angewiesen. Distanzunterricht hat zu viel Distanz und zu wenig Unterricht.
Nr. 9: Res Zürcher (Mathematik)
Technisch konnten die Herausforderungen des Fernunterrichts gut gelöst werden: So boten Videokonferenzen die Möglichkeit, sich auszutauschen oder Inputs zu geben. Viele Lektionen wurden so begonnen. Übungsaufgaben wurden weitgehend in OneNote gelöst. Individuelle Fragen konnten über diese Kanäle effizient geklärt werden. Selbstverständlich konnte die Technik die Vorteile des Präsenzunterrichts nicht vollständig ausgleichen.
Nr. 10: Tobias Lerch (Deutsch, Geschichte)
Die Zeit des Fernunterrichts habe ich zunächst als motivierende Herausforderung erlebt: Die (erzwungene) Erweiterung digitaler Kompetenzen oder das Neu- und Über-Denken von Inhalten und Unterrichtsformen waren lehrreich und erfrischend. Was ich aber auch intensiv erfahren habe: Der direkte Kontakt, das unmittelbare Feedback, die Spontaneität und «Zufälligkeit» einer Lektion oder das gemeinsame Denken in einem gemeinsamen Raum sind (noch) nicht zu ersetzen. Mittlerweile haben sich manche Vermutungen bestätigt: Viele Schülerinnen und Schüler haben sich in Selbständigkeit geübt und selbstorganisiert gelernt. Aber: Nicht alle haben gleichermassen vom Fernunterricht profitieren können, bezüglich der Chancengerechtigkeit stellen sich viele Fragen.












































