Wegen der COVID-19-Pandemie musste auch unsere Schule anfangs März auf Fernunterricht umstellen. Nach der Absage der Maturaprüfungen erhielten die Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen den Auftrag, die Zeit des Distance Learning zu reflektieren: Wie haben sie den Fernunterricht wahrgenommen? Was nehmen sie aus dieser Zeit hinsichtlich ihres beruflichen Werdegangs und für sich persönlich mit? Lesen Sie zwei (gekürzte) Beispiele.
Text Raphael Zumbrunn und Noé Wyss
Animation Janis Baumgartner, 22gS
Beitragsbild Josin Zanker, 21gQ
Raphael Zumbrunn
Potenzial nicht ausgeschöpft
Wer hätte geglaubt, dass so eine kleine molekulare Maschine praktisch unsere gesamte Gesellschaft lahmlegt? Eine surreale Situation. Doch dank der Digitalisierung konnte trotzdem eine Annäherung an den normalen Unterricht erreicht werden.
Da ich normalerweise einen eher längeren Schulweg habe, bemerkte ich während des Fernunterrichts sofort, dass ich mehr Freizeit zur Verfügung hatte. Dies erlaubte mir, mehr Zeit in eigene Projekte zu investieren. So habe ich beispielsweise mit einigen Kollegen, welche jetzt auch mehr Zeit hatten, ein Videospiel entwickelt. Ich habe mich auch freiwillig etwas weitergebildet. Eine sehr gute Ressource für Naturwissenschaften habe ich im Internet gefunden. Das MIT, das Massachusetts Institute of Technology, stellt nämlich viele seiner Kurse online zur Verfügung. So habe ich beispielsweise einen Einführungskurs in die Quantenphysik absolviert.
Zudem beanspruchten viele Unterrichtsfächer nicht so viel Zeit wie normalerweise. Einige Lehrpersonen erteilten weniger Aufträge und ich musste deshalb viel weniger Zeit investieren. Dies lag keinesfalls daran, dass ich weniger Material bearbeitete, nein, es lag daran, dass ich mir die Zeit selbst einteilen konnte. Dies erlaubte mir in meiner Geschwindigkeit zu arbeiten.
Doch diese Form des Unterrichts hatte nicht nur Vorteile. Der Physikunterricht beispielsweise wurde per Videochat gehalten und deshalb konnten natürlich keine Experimente durchgeführt werden. Dies fand ich ausserordentlich schade. Im Gegensatz zur Theorie, welche ich eigentlich auch im Selbststudium erarbeiten könnte, bräuchte ich für Experimente teilweise teures oder gefährliches Equipment.
Alles in allem fand ich den Bildungsaspekt dieser Situation eher ernüchternd. Mir kam es so vor, als ob viele Lehrpersonen mir nicht möglichst viel Wissen vermitteln wollten, sondern dass das einzige Ziel war, mich durch die Matur zu bringen. Dank des Kontrasts aus Selbststudium und Präsenzunterricht wurde mir bewusst, wie viel Bildung theoretisch möglich ist und ich habe auch realisiert, dass dieses Potenzial im normalen Unterricht kaum ausgeschöpft wird.
Die Gründe, warum dieses Potenzial nur sehr selten ausgeschöpft wird, sind vielschichtig. Ein wichtiger Faktor ist sicher die Normalisierung des Lernpotenzials. Es wird immer versucht, einen «Durchschnittsschüler» zu unterrichten. Dieses Ziel ist sehr löblich, jedoch funktioniert diese Vorgehensweise nur unter einigen sehr spezifischen Voraussetzungen: Der Unterschied zwischen dem «Besten» und dem «Schwächsten» muss sehr klein sein, denn sonst ergibt sich das Problem, dass die weniger Leistungsstarken konstant überfordert und die «Besten» konstant unterfordert sind.
Unterschätzt hatte ich den sozialen Aspekt: Mir war bis zur Quarantäne nicht so deutlich bewusst, wie viel sozialen Kontakt ich in der Schule hatte. Ich bemerkte, dass ich ausserhalb der Schule kaum Austausch mit Kollegen pflegte. Glücklicherweise konnte ich dieses Problem dank der Videotelefonie teilweise umgehen und konnte immerhin noch digitalen Kontakt pflegen.
Bezüglich des Studiums habe ich während der Corona-Krise vor allem das selbstständige Lernen geübt. Insofern kann ich sagen, dass ich viel selbständiger geworden bin.
Noé Wyss
Von sozialem Engagement, Selbständigkeit und Chancengleichheit
Ich empfand das Distance Learning, trotz den tragischen Umständen, im Allgemeinen eine sehr gute und bereichernde Erfahrung. Es bot uns eine einzigartige Möglichkeit, uns auf die Zukunft und das anstehende Studium vorzubereiten. Durch das Distance Learning konnten wir unsere eigene Arbeitsweise von einer anderen Seite reflektieren und analysieren, was uns erlaubte, sie gezielt zu verbessern und verschiedene Kompetenzen zu fördern.
Besonders die Selbstkompetenzen wurden gestärkt, insbesondere Selbstständigkeit, Selbstmotivation, Disziplin, Organisation, Zeitmanagement und Recherchefähigkeit.
Ich habe festgestellt, dass die Art und Weise, wie ich lerne, bereits relativ gut und effizient war. Ich bin eine ehrgeizige und zielstrebige Person und es fiel mir auf Grund dessen noch nie wirklich schwer, konzentriert und selbstständig zu arbeiten. Ich war in der Lage, die anstehenden Arbeiten einzuteilen und rechtzeitig zu erledigen.
Ich hatte jedoch auch das starke Bedürfnis, in dieser schwierigen Zeit Personen in meinem Umfeld zu helfen und sie zu entlasten, wo immer sich die Möglichkeit bot. Aus diesem Grund wurden schulischen Aufgaben teilweise zur zweiten Priorität oder verschoben sich zumindest zeitlich auf Randstunden. Der Fernunterricht bot die dafür nötige Flexibilität. Ich habe zum Beispiel mit Yoga und Häkeln begonnen, ich ergriff die Möglichkeit, meine Eltern im Haushalt zu unterstützen, um sie zu entlasten, ich habe viele interessante neue Rezepte gekocht, ich habe beim Austragen von Einkäufen Menschen kennengelernt, denen ich sonst nie begegnet wäre, und ich gab einer sehr motivierten 80-jährigen Dame Spanischstunden.
Es fiel mir schwer, die Motivation für eine konsequente Vorbereitung auf die Abschlussprüfungen aufrechtzuerhalten, da plötzlich ganz andere lebensbewegende Aufgaben und Themen im Zentrum standen. Die lange Ungewissenheit bezüglich Durchführung der Prüfungen machte mir zu schaffen. Ich war deshalb sehr erleichtert, als die Information kam, dass die Abschlussprüfungen nicht stattfinden würden.
Der Fernunterricht hat aber nicht nur Vorteile: Das soziale Umfeld und materielle Ressourcen sind wichtiger, was der Chancengerechtigkeit nicht dient. Zu sechst in einer Dreizimmerwohnung lernt es sich wohl schlechter als zu dritt in einem Haus. Ein schneller und zuverlässiger Internetzugang ist sehr förderlich. Ein ruhiges, unterstützendes familiäres Umfeld, das einem hilft, Motivationseinbrüche zu überstehen, einem hilft, schwierige Themen zu verstehen usw. ist nicht für alle selbstverständlich gegeben.
Ich bin auch überzeugt, dass Schule mit Präsenzunterricht nicht die alleinige Funktion der Stoffvermittlung hat, sondern auch den Ort und die Zeit für soziales Lernen, fürs Schliessen von Freundschaften, fürs Kennenlernen von sich selber in Bezug auf andere usw. bietet. Das Erlernen von Sozialkompetenzen ist sicherlich keine Stärke des Fernunterrichts.
Hinsichtlich des anstehenden Studiums und der Zukunft finde ich, dass die Erfahrung mit dem Fernunterricht besonders bereichernd war. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass sich unsere Welt technisiert. Der Einsatz von Laptops (o.Ä.) und verschiedenen Tools wird somit im Alltag immer wichtiger, sowohl im Studium als auch bezüglich der Zusammenarbeit in unserer zunehmend globalisierten Gesellschaft.
Nach meinem Wissen besteht auch ein wesentlicher Teil des universitären Werdegangs aus Fernstudien und selbständiger Recherche. Es erscheint mir somit essenziell einen guten Umgang damit zu haben. Ausserdem hatten wir nun auch die Möglichkeit, unsere Arbeitsweise zu analysieren, zu optimieren und uns fehlende Kompetenzen gezielt anzueignen. Ich habe auch bemerkt, wie breit das Spektrum der möglichen Mittel ist und mit welchen ich effizient arbeiten kann. Ich erachte die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit machen konnte, als förderlich für meine schulische, universitäre und persönliche Zukunft.
Ich bin auch der Meinung, dass für das gesamte schulische Umfeld diese Erfahrung für die künftige Gestaltung des Unterrichts sehr hilfreich sein kann und auch sein sollte. Es bietet sich uns nun die einmalige Gelegenheit, die Stärken und Schwächen des Fernunterrichts, aber auch des Präsenzunterrichts, neu zu beurteilen und die Schwerpunkte demensprechend anzupassen und zu nutzen. Diese Gelegenheit sollte sich die Schule nicht nehmen lassen, denn gerade schwierige und herausfordernde Zeiten haben schon immer auch zu guten neuen Ideen geführt… wenn wir dies zulassen.












































