Während des Fernunterrichts erhielten die Schüler*innen der 21gP den Auftrag, Goethes Gedicht «Prometheus», in dem sich die Gestalt aus der griechischen Mythologie wütend und enttäuscht gegen den mächtigen Göttervater Zeus wendet, umzuschreiben. Ziel war es, eine aktuelle Thematik oder Persönlichkeit zu finden, gegen die sich das lyrische Ich auflehnt, und die Vorwürfe, Wünsche usw. im Stil von «Prometheus» zu formulieren. Entstanden ist Prometheus im Jahr 2020. Lesen Sie Goethes Originaltext und drei Aktualisierungen.
Texte Johann Wolfgang von Goethe, Alina Schneider, Lara Marti und Myriam Rahab Trösch
Johann Wolfgang von Goethe
Prometheus
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?
Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.
Alina Schneider
An die Generation von damals
Urteilt nicht über uns
Ohne uns zu kennen!
Ihr versteht nicht,
Dass die Welt nicht mehr ist, was sie einmal war
Und dass dies nichts Schlechtes sein muss.
Müsst uns unsere Freiheit
Nicht nehmen, sondern lassen
Und unser Leben
Das euch nicht gehört.
Es ist unser Leben,
Um dessen Kraft
Ihr uns beneidet.
Es gibt nichts Erbärmlicheres,
Als euch, in eurer Verbissenheit.
Ihr verurteilt ahnungslos
Unsere Meinung,
Unsere Lebensweise.
Ihr vergesst,
Dass ohne uns
Die Zukunft
Keine Hoffnung trüge.
Das gesellschaftliche Bild,
Wie ihr es noch kanntet,
Das gibt es nicht mehr.
Ihr nennt es verdorben,
Doch für uns ist der Wandel
Ein Fortschritt,
Dessen Vorantreibung wir anstreben.
Was haben wir euch getan,
Dass ihr uns so verachtet?
Weshalb fällt es euch so schwer,
Unsere Ansichten zu akzeptieren?
Wäre ein Zusammeneben
Mit Respekt denn nicht möglich?
Wer hat von euch verlangt,
Uns zu belehren,
Statt uns einfach in Frieden zu lassen?
Sind es etwa wir,
Die eure Ansichten verfluchen?
Oder sagt nun ganz ehrlich,
Von wem stammt der Ausdruck
«Die Jugend von heute»?
Lara Marti
Schatten auf der Seele
Du breitest dich aus,
mit all deinen Symptomen,
mit Lust und Laune.
Niemand wird sich mit dir,
dir als psychischer Krankheit glücklich schätzen.
Aber lasse mir meinen Vater,
den du nicht kennst.
Und seine Liebe und Fürsorge,
um die du mich beneidest.
Ich kenne nichts Schlimmeres,
nichts Hartnäckigeres unter euch Krankheiten.
Du befällst jeden,
und siehst zu,
wie du den Menschen zerstörst.
Ohne Gnade!
Ohne Mitleid!
Da ich nicht mein Vater bin,
nicht weiss, was ihn bedrückt,
sein Kindheitstrauma nicht verstehe,
ist es schwierig für mich
zu handeln.
Wer rettet ihn vor dem Zerbrechen?
Wer vor der Krankheit?
Vor der ständigen Trauer
und vor dem Gefühl,
nichts zu sein?
Lasse meinem Vater das Feuer in seiner Seele,
gib ihm sein reines Gewissen zurück.
Die Sonne soll scheinen,
auch in seinem Leben.
Verschwinde oder er wird dich beseitigen,
durch Therapie,
durch Stärke,
durch Wille!
Myriam Rahab Trösch
Prometheus
Bedecke deine Symptome, Corona,
Mit Antikörpern!
Und übe, Käfern gleich,
die Blätter fressen,
An Blumen dich und Grasholmhöhn!
Musst mir meine Gesundheit
Doch lassen stehn,
Und mein Immunsystem,
Das du nicht gebaut,
Und meine Lunge,
Um deren Leben
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Parasiten.
Ihr nährt lustvoll
Von Opferblut
Und Lebenshauch
Eure Virenheit
Und sterbet, wären
Nicht Alte und Kranke
Wehrlose Menschen.
Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus, wo ein,
Kehrte meinen Rücken
Zum Erreger, als wenn nicht zu sehen
Ein Ohr nichts zu hören,
Ein Virenstamm wie deiner,
Sich den Erkrankten nicht erbarmt.
Wer half mir?
Wer rettete vom Tode mich?
Von der Krankheit?
Vor heilig schmerzenden Lungen?
Und glühender Atem, schwach?
Half etwa der Politiker Übermut?
Rettungsdank, nicht den Politikern,
Rettungsdank
Den Ärzten und Pflegern.
Ich dich fürchten? Wofür?
Du hast das Leiden verursacht.
Hast du Bedauern verspürt
Je gegenüber den Erkrankten?
Hast du die Tränen gestillet
Je der Verbliebenen?
Hat nicht mich zum Überlebten gemacht
Die allmächtige Heilung
Und das Pflegepersonal?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben verlassen,
In Betten verstecken,
Weil nicht alle Träume fliehen?
Hier sitz ich, forme das Gedicht
In meiner Sprache,
In meinem Bilde.
Stoppen soll das Leiden und Weinen,
Leben das Leben,
Es soll wieder werden
Wie vor Corona.











































