Editorial

Erfolgreich – ja, aber nicht wie geplant


Erfolgreich – ja, aber nicht wie geplant


Das Schuljahr 2019/20 war erfolgreich, wir haben alle miteinander viel gelernt und nicht nur, was im Lehrplan steht.

 

Text Hans-Ueli Ruchti, Rektor

 

Was aber meint «erfolgreich»? Ich verstehe den Begriff so, wie es im letztjährige JahrAus zu lesen ist: «Bildung ist erfolgreich, wenn es gelingt, anspruchsvolle gesteckte Bildungsziele gemeinsam in einem Klima von Empathie und Respekt zu erreichen.» Dass nicht nur die vorgängig gesteckten Ziele erreicht, sondern auch andere Entwicklungsschritte gemacht werden, liegt in der Natur, der Dynamik der Sache. Und dass im Jahr der Corona-Pandemie die Dynamik besonders ausgeprägt war, wird kaum jemand bezweifeln.

300 neue Schülerinnen und Schüler durchliefen am ersten Schultag im August 2019 ihr Programm, fast alles war neu für sie: Kolleginnen und Kollegen, die Klasse, die Eröffnungsfeier, die Vielzahl von Abläufen und der Crashkurs in Sachen Notebook, Plattformen und anderes mehr. Die oberen Klassen haben den Unterricht nach Stundenplan wie gewohnt am ersten Tag aufgenommen. Die Arbeitstage in den folgenden Wochen und Monaten verliefen für die meisten wie üblich, mal aufregend, mal mühsam, mal interessant, mal überfordernd, mal euphorisch. Beachten Sie dazu die Beiträge aus unserem vielfältigen Schulleben und Lernen im Schuljahr 2019/20 in diesem JahrAus.

Auf der Ebene Schulleitung und Entwicklung war der Abschluss von vielen Projekten geplant, da ich im Frühjahr 2019 meinen Rücktritt auf den Sommer 2020 festgelegt hatte. Die Wahl einer Nachfolgerin bzw. eines Nachfolgers war bereits in den Sommermonaten 2019 in vollem Gang.

Auf dem Jahresplan der Schulentwicklung standen Themen wie die Weiterentwicklung der formativen Beurteilung, die Einführung der basalen fachlichen Studierkompetenzen und die Weiterentwicklung des Feedbackkonzepts. Bezüglich «digitun» einerseits und Sicherheitskonzept andererseits war je ein Weiterbildungstag fürs Frühjahr 2020 geplant, in Sachen Bau durften wir im November per Infobulletin bekannt geben, dass der Planungskredit von 10,5 Millionen Schweizer Franken bewilligt worden war. Letzteres haben wir mit grosser Freude und Erleichterung aufgenommen und intern die nächsten Schritte eingeleitet.

Kurz vor Weihnachten stand fest: Mein Nachfolger ist männlich, arbeitet zurzeit im Gymnasium Neufeld und heisst Marius Gränicher (lesen Sie mehr im Editorial des neuen Rektors).

 

Shutdown
Im März dann löste das Wort «Shutdown» eine neue Dynamik aus. Vieles wurde in kurzer Zeit ganz anders, runtergefahren bzw. geschlossen wurden allerdings nur die Schulhäuser, zuhause bei den Lehrpersonen und bei den Schülerinnen und Schülern ging es eher um ein Hochfahren. Übers Wochenende haben es die Lehrpersonen zusammen mit ihren Klassen zustande gebracht, den Unterricht vollständig umzubauen. Am Montag, den 16. März, erhielten die Klassen Informationen und Aufträge nach Hause geliefert und unterrichtet wurden sie über digitale Plattformen wie z.B. MS Teams. Die Anstrengung war beachtlich, sie fand Anerkennung in der Öffentlichkeit und ich bin stolz darauf, dass die Lehrpersonen, die Lernenden und das Personal unserer Schule dies leisten konnten.

Verschiedene der oben beschriebenen und geplanten Entwicklungsschritte auf Schulleitungsebene konnten in Folge des Shutdowns nicht oder nur zum Teil umgesetzt und viele den Unterricht ergänzende Anlässe mussten abgesagt werden. Stattdessen wurde das Krisenkonzept im praktischen Einsatz erprobt und die Anwendung von Informatikhilfsmitteln erlebte einen so nicht geplanten Entwicklungsschub. Arbeitsprozesse wurden neu organisiert und es wurden Arbeits-, Lehr- und Lernmethoden angewendet, die vor März 2020 nicht in Erwägung gezogen worden waren.

Was davon uns auch in Zukunft begleiten wird, bleibt offen. Ich stelle mir vor, dass die eine oder andere während des Shutdowns angewendete Arbeitsmethode durchaus – unabhängig von Ansteckungsrisiken – auch in Zukunft vorteilhaft sein kann und zur Anwendung kommen wird. Ich denke dabei an eine noch gezielter geplante Digitalisierung der Dokumente,  an je nach Zielsetzung gewählte Videokonferenzen, an den Einsatz von Trainingsprogrammen u.a.m. Diese Entwicklung dürfte aus meiner Sicht aber nur in Kombination mit bewusst gestalteten Präsenzveranstaltungen stattfinden, in denen der persönliche Kontakt gepflegt wird, denn ich meine, in der Zeit des Distanzunterrichts beobachtet zu haben, dass sich das Wohlbefinden bei der Arbeit und die Frustrationstoleranz von Lernenden und Lehrenden in dieser Zeit verschlechtert haben, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit dem fehlenden persönlichen Kontakt zusammenhängt. Mehr dazu erfahren Sie in der folgenden Kurzzusammenfassung einer internen Umfrage zum Unterricht während des Shutdowns.

 

Kurzzusammenfassung einer internen Befragung während des Shutdowns

– Viele Lehrpersonen sehen die Phase des Distanzunterrichts als intensive Weiterbildung im Bereich digitaler Hilfsmittel, aber auch bezüglich klarer Strukturierung von Aufträgen und Unterrichtssequenzen.

– Viele Schülerinnen und Schüler profitieren während des Fernunterrichts im Bereich der digitalen Kompetenzen.

– Viele Lernende arbeiten selbständiger, aber weniger selbständig Lernende bleiben eher zurück, Schwierigkeiten in einzelnen Fächern häufen sich.

– Viele Schülerinnen und Schüler geniessen es, dass sie die Lernzeit selbständig einteilen können. Dadurch lernen sie, Eigenverantwortung zu übernehmen.

– Lehrpersonen beklagen den fehlenden Kontakt sowohl zu den Kolleginnen und Kollegen als auch die direkte Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern; die unmittelbaren Rückmeldungen fehlen schmerzlich.

– Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler beklagt sich über fehlende Motivation. Einige beklagen sich über ein fehlendes Gefühl der Selbstwirksamkeit. Mehr als zwei Drittel leiden unter dem Mangel an direktem Austausch mit Kameradinnen und Kameraden und Lehrpersonen.

– Teile des Lehrplans sind nur sehr schwer umsetzbar.

– Lernende geben an, wegen der hohen Lernzeit am Bildschirm zu wenig Bewegung zu haben (ca. 40%) und zeigen körperliche Symptome wie schmerzende Augen oder Migräne.

– Das Personal kam mit dem Homeoffice und den fehlenden Menschen in den Schulgebäuden ganz gut zurecht, Sekretärinnen möchten sogar einen Teil der Arbeit weiter im Homeoffice verrichten. Aber auch dem Personal fehlten die Begegnungen, wie dies Lehrpersonen und Lernende beklagten.

 

 

Übergabe
Auch wenn im zweiten Halbjahr vieles anders lief als geplant: der Übergabetermin rückte unerbittlich näher. Zwar mussten einige Besprechungstermine aus Zeitnot abgesagt werden, dafür wirkten sich die immer perfekteren Videokonferenzprogramme erleichternd aus. Sogar Lehrerkonferenzen mit Abstimmungen funktionieren bestens mit MS Teams, die Beteiligung war hoch. Die abgesagten Übergabe-Termine verlagerten wir auf die Sommerferien und die Prorektorinnen und Prorektoren haben einiges im Vorfeld von mir temporär oder auch dauerhaft übernommen, um den nahtlosen Übergang sicher zu stellen. Wie’s weitergeht, beschreibt Ihnen Marius Gränicher gleich selbst in seinem Ein- und Ausblick und ich verabschiede mich nach einer äusserst intensiven, erfüllten und glücklichen Zeit am Gymnasium Thun in die «grenzenlose» Freiheit.

 

 

 

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Erfolgreich – ja, aber nicht wie geplant


Das Schuljahr 2019/20 war erfolgreich, wir haben alle miteinander viel gelernt und nicht nur, was im Lehrplan steht.

 

Text Hans-Ueli Ruchti, Rektor

 

Was aber meint «erfolgreich»? Ich verstehe den Begriff so, wie es im letztjährige JahrAus zu lesen ist: «Bildung ist erfolgreich, wenn es gelingt, anspruchsvolle gesteckte Bildungsziele gemeinsam in einem Klima von Empathie und Respekt zu erreichen.» Dass nicht nur die vorgängig gesteckten Ziele erreicht, sondern auch andere Entwicklungsschritte gemacht werden, liegt in der Natur, der Dynamik der Sache. Und dass im Jahr der Corona-Pandemie die Dynamik besonders ausgeprägt war, wird kaum jemand bezweifeln.

300 neue Schülerinnen und Schüler durchliefen am ersten Schultag im August 2019 ihr Programm, fast alles war neu für sie: Kolleginnen und Kollegen, die Klasse, die Eröffnungsfeier, die Vielzahl von Abläufen und der Crashkurs in Sachen Notebook, Plattformen und anderes mehr. Die oberen Klassen haben den Unterricht nach Stundenplan wie gewohnt am ersten Tag aufgenommen. Die Arbeitstage in den folgenden Wochen und Monaten verliefen für die meisten wie üblich, mal aufregend, mal mühsam, mal interessant, mal überfordernd, mal euphorisch. Beachten Sie dazu die Beiträge aus unserem vielfältigen Schulleben und Lernen im Schuljahr 2019/20 in diesem JahrAus.

Auf der Ebene Schulleitung und Entwicklung war der Abschluss von vielen Projekten geplant, da ich im Frühjahr 2019 meinen Rücktritt auf den Sommer 2020 festgelegt hatte. Die Wahl einer Nachfolgerin bzw. eines Nachfolgers war bereits in den Sommermonaten 2019 in vollem Gang.

Auf dem Jahresplan der Schulentwicklung standen Themen wie die Weiterentwicklung der formativen Beurteilung, die Einführung der basalen fachlichen Studierkompetenzen und die Weiterentwicklung des Feedbackkonzepts. Bezüglich «digitun» einerseits und Sicherheitskonzept andererseits war je ein Weiterbildungstag fürs Frühjahr 2020 geplant, in Sachen Bau durften wir im November per Infobulletin bekannt geben, dass der Planungskredit von 10,5 Millionen Schweizer Franken bewilligt worden war. Letzteres haben wir mit grosser Freude und Erleichterung aufgenommen und intern die nächsten Schritte eingeleitet.

Kurz vor Weihnachten stand fest: Mein Nachfolger ist männlich, arbeitet zurzeit im Gymnasium Neufeld und heisst Marius Gränicher (lesen Sie mehr im Editorial des neuen Rektors).

 

Shutdown
Im März dann löste das Wort «Shutdown» eine neue Dynamik aus. Vieles wurde in kurzer Zeit ganz anders, runtergefahren bzw. geschlossen wurden allerdings nur die Schulhäuser, zuhause bei den Lehrpersonen und bei den Schülerinnen und Schülern ging es eher um ein Hochfahren. Übers Wochenende haben es die Lehrpersonen zusammen mit ihren Klassen zustande gebracht, den Unterricht vollständig umzubauen. Am Montag, den 16. März, erhielten die Klassen Informationen und Aufträge nach Hause geliefert und unterrichtet wurden sie über digitale Plattformen wie z.B. MS Teams. Die Anstrengung war beachtlich, sie fand Anerkennung in der Öffentlichkeit und ich bin stolz darauf, dass die Lehrpersonen, die Lernenden und das Personal unserer Schule dies leisten konnten.

Verschiedene der oben beschriebenen und geplanten Entwicklungsschritte auf Schulleitungsebene konnten in Folge des Shutdowns nicht oder nur zum Teil umgesetzt und viele den Unterricht ergänzende Anlässe mussten abgesagt werden. Stattdessen wurde das Krisenkonzept im praktischen Einsatz erprobt und die Anwendung von Informatikhilfsmitteln erlebte einen so nicht geplanten Entwicklungsschub. Arbeitsprozesse wurden neu organisiert und es wurden Arbeits-, Lehr- und Lernmethoden angewendet, die vor März 2020 nicht in Erwägung gezogen worden waren.

Was davon uns auch in Zukunft begleiten wird, bleibt offen. Ich stelle mir vor, dass die eine oder andere während des Shutdowns angewendete Arbeitsmethode durchaus – unabhängig von Ansteckungsrisiken – auch in Zukunft vorteilhaft sein kann und zur Anwendung kommen wird. Ich denke dabei an eine noch gezielter geplante Digitalisierung der Dokumente,  an je nach Zielsetzung gewählte Videokonferenzen, an den Einsatz von Trainingsprogrammen u.a.m. Diese Entwicklung dürfte aus meiner Sicht aber nur in Kombination mit bewusst gestalteten Präsenzveranstaltungen stattfinden, in denen der persönliche Kontakt gepflegt wird, denn ich meine, in der Zeit des Distanzunterrichts beobachtet zu haben, dass sich das Wohlbefinden bei der Arbeit und die Frustrationstoleranz von Lernenden und Lehrenden in dieser Zeit verschlechtert haben, was mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit dem fehlenden persönlichen Kontakt zusammenhängt. Mehr dazu erfahren Sie in der folgenden Kurzzusammenfassung einer internen Umfrage zum Unterricht während des Shutdowns.

 

Kurzzusammenfassung einer internen Befragung während des Shutdowns

– Viele Lehrpersonen sehen die Phase des Distanzunterrichts als intensive Weiterbildung im Bereich digitaler Hilfsmittel, aber auch bezüglich klarer Strukturierung von Aufträgen und Unterrichtssequenzen.

– Viele Schülerinnen und Schüler profitieren während des Fernunterrichts im Bereich der digitalen Kompetenzen.

– Viele Lernende arbeiten selbständiger, aber weniger selbständig Lernende bleiben eher zurück, Schwierigkeiten in einzelnen Fächern häufen sich.

– Viele Schülerinnen und Schüler geniessen es, dass sie die Lernzeit selbständig einteilen können. Dadurch lernen sie, Eigenverantwortung zu übernehmen.

– Lehrpersonen beklagen den fehlenden Kontakt sowohl zu den Kolleginnen und Kollegen als auch die direkte Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern; die unmittelbaren Rückmeldungen fehlen schmerzlich.

– Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler beklagt sich über fehlende Motivation. Einige beklagen sich über ein fehlendes Gefühl der Selbstwirksamkeit. Mehr als zwei Drittel leiden unter dem Mangel an direktem Austausch mit Kameradinnen und Kameraden und Lehrpersonen.

– Teile des Lehrplans sind nur sehr schwer umsetzbar.

– Lernende geben an, wegen der hohen Lernzeit am Bildschirm zu wenig Bewegung zu haben (ca. 40%) und zeigen körperliche Symptome wie schmerzende Augen oder Migräne.

– Das Personal kam mit dem Homeoffice und den fehlenden Menschen in den Schulgebäuden ganz gut zurecht, Sekretärinnen möchten sogar einen Teil der Arbeit weiter im Homeoffice verrichten. Aber auch dem Personal fehlten die Begegnungen, wie dies Lehrpersonen und Lernende beklagten.

 

 

Übergabe
Auch wenn im zweiten Halbjahr vieles anders lief als geplant: der Übergabetermin rückte unerbittlich näher. Zwar mussten einige Besprechungstermine aus Zeitnot abgesagt werden, dafür wirkten sich die immer perfekteren Videokonferenzprogramme erleichternd aus. Sogar Lehrerkonferenzen mit Abstimmungen funktionieren bestens mit MS Teams, die Beteiligung war hoch. Die abgesagten Übergabe-Termine verlagerten wir auf die Sommerferien und die Prorektorinnen und Prorektoren haben einiges im Vorfeld von mir temporär oder auch dauerhaft übernommen, um den nahtlosen Übergang sicher zu stellen. Wie’s weitergeht, beschreibt Ihnen Marius Gränicher gleich selbst in seinem Ein- und Ausblick und ich verabschiede mich nach einer äusserst intensiven, erfüllten und glücklichen Zeit am Gymnasium Thun in die «grenzenlose» Freiheit.

 

 

 

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