Mit der Einführung des vierjährigen Gymnasiums (Lehrplan 17, gültig für die Jahrgänge ab 21g) entfallen die Profillektionen, mit denen unter anderem das Angebot der Primakurse ermöglicht wurde. So fanden am Gymnasium Thun am Mittwoch, 14. Mai, zum letzten Mal Primakurse statt. Ich nehme dies als Anlass, um einen kurzen Blick zurück auf dieses besondere Unterrichtsgefäss zu werfen.
Text Niklaus Schefer
Beitragsbild Josin Zanker, 21gQ
Künstliche Intelligenz (KI) – Bond & Beyond: James Bond und Spionage als Kulturphänomen, taught in English of course – Mafia, das Phänomen der organisierten Kriminalität – Aero- und Hydrodynamik – Debattieren & Politisieren – Bewegung & Ernährung – … Seit vielen Jahren finden im obersten Jahrgang Primakurse zu diesen und vielen weiteren Spezialthemen statt. Es sind Wahlpflichtkurse, in denen die Maturandinnen und Maturanden sich in einem besonderen Thema während eines Semesters vertiefen und auf das zukünftige Studium vorbereiten können.
Für die Primanerinnen und Primaner standen während der letzten Jahre über 30 Angebote aus verschiedenen Studienbereichen wie Sprachen und Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Recht, Künste, Gesundheit und Medizin zur Auswahl. Bereits vor der Fusion hatten beide Standorte unabhängig voneinander seit Einführung des Lehrplans 08 (ab 2008) ein vergleichbares Gefäss entwickelt.
Zwischen 15 und 20 Kurse konnten jeweils durchgeführt werden. Praktisch alle Lernenden besuchten einen Kurs gemäss ihrer ersten oder zweiten Priorität. Dies führte dazu, dass sie im obersten Ausbildungsjahr in ihren spezifischen Interessensfeldern und möglichen zukünftigen Studiengebieten gefördert werden konnten.
So trafen sich in den Lektionen am Mittwochnachmittag Schülerinnen und Schüler in einer überschaubaren Gruppengrösse mit ähnlichen Interessen und einer engagierten Lehrperson, die ein Vertiefungsthema wie Kultur der Antike, Jazz, aktuelle Konflikte, Überblick über die indoeuropäischen Sprachen oder Rechtspraktikum mit Herzblut und viel Kompetenz vermittelt. Was für ein ideales pädagogisches Setting! Hier konnte wahrhaft über Bridge und mathematische Logik bzw. Kombinatorik im Kartenspiel oder über Gottesbeweise «gefachsimpelt» werden. Exkursionen oder gezielte Besuche von Veranstaltungen an Universitäten oder Hochschulen, die über die üblichen Schnuppertage hinausgehen, waren möglich. Zum Beispiel konnten eine Lerngruppe bei einem Seminar zur «Psychologie des Terrorismus» erleben, dass die Niveauunterschiede zwischen ihnen und den Masterstudierenden gar nicht so riesig sind und sie bei Gruppenarbeiten auf Augenhöhe mitdiskutieren konnten.
Als Schule haben wir uns darauf geeinigt, dass der Besuch dieser Kurse nicht benotet wird und am Schluss einfach ein «besucht» bzw. «bestanden» im Zeugnis steht. Dieser reformpädagogisch inspirierte Verzicht auf Prüfungsdruck hat in praktisch allen Fällen trotz Maturvorbereitungsstress gut funktioniert. Denn hier kann die intrinsische Neugier den Lern- und Wissensfortschritt antreiben und dadurch Freude und ein Gefühl der Befriedigung auslösen. Zudem war es in den Kursen möglich, die Theorielastigkeit des gymnasialen Unterrichts zu durchbrechen. Unsere Schülerinnen und Schüler, denen manchmal nachgesagt wird, dass sie zwei linke Hände besässen, konnten in Praktika, Experimenten und Schnuppern in der akademischen Berufs- und Forschungswelt handwerkliche Erfahrungen sammeln. So gelang es nicht selten, die Jugendlichen auch hinsichtlich Studium und Berufswahl positiv zu beeinflussen.
Vermutlich werden wir alle, die in den vergangenen Jahren Primakurse unterrichteten, diese Form der Bildung vermissen. Vielleicht können wir in der einen oder anderen Form die Zielsetzungen, die wir mit den Primakursen verfolgten, auch in den vierjährigen Lehrgang mit dem Lehrplan 17 integrieren.
Erste Umsetzungen sind bereits erfolgt: Der Kurs «Politikpraktikum» wird seit diesem Schuljahr als Freifach Politik für die obersten beiden Jahrgänge angeboten. Im Freifach MINT finden sich einzelne Module in der Tradition der Vertiefungskurse. Der HKB-Vorkurs (Vorbereitung aufs Studium an der Hochschule für Künste) wird in diesem Schuljahr einmal in Form eines individuellen Förderunterrichts getestet. Mag sein, dass wir in der nächsten Zeit noch andere Formen finden, um die für Lehrende und Lernende attraktiven und pädagogisch befriedigenden Unterrichtsformen und -inhalte im Regel- oder Freifachunterricht, bei Sonderveranstaltungen oder in Sonderwochen weiter praktizieren zu können.
Zunächst aber halten wir kurz inne: Ruhe in Frieden, lieber Primakurs.











































