Aus der bunten Palette der Fremdsprachenangebote an den bernischen Gymnasien wird im folgenden Beitrag eine Auswahl beleuchtet. Es sind Angebote, welche unsere kulturelle Vielfalt widerspiegeln, neue Bildungsakzente aufnehmen und interessierten Jugendlichen Wertvolles auf ihren Lebensweg mitgeben.
Text Regula Mäder (Italienisch), Christian Kämpf, Katrin Sauter (Englisch), Georg Imhof (Französisch), Ivo Haag (Russisch) Redaktion: Ruedi Perren, Christine Kämpf
Beitragsbild Kasimir Ninck, 21gA
Auf Schuljahresbeginn 2017/18 sind die ersten Schülerinnen und Schüler der Generation Passepartout in das erste Jahr des gymnasialen Bildungsgangs übergetreten. Wie sieht die Bilanz in den Fächern Französisch und Englisch bis jetzt aus? Eher kritisch tönt die Einschätzung der Unterrichtenden im Fach Französisch: Schreiben (inkl. Grammatik und Wortschatz) sei eine «Grossbaustelle». Erfreulicherweise nehme das Problem eher ab, wohl auch als Folge der grossen Anstrengungen der Volksschule. Aufgrund der stark unterschiedlichen Kompetenzen sei der Unterrichtsaufbau erschwert. Bezüglich literarischer Kompetenzen sei oft weniger Vertiefung möglich als früher (weniger Detailverständnis, geringer Wortschatz). Leichter falle den Lernenden das Verstehen von Sachtexten. Mehrheitlich gut ausgeprägt sei die Bewusstheit für Sprache.
Die Englisch-Lehrpersonen weisen darauf hin, dass die Schülerinnen und Schüler nicht schlechtere Sprachenkenntnisse hätten und auch nicht schlechter auf den Gymnasialunterricht vorbereitet seien. Das Sprachniveau sei insgesamt in Englisch eher höher als früher. Viele Schülerinnen und Schüler könnten sich bereits bei den ersten Tests gut auf Englisch ausdrücken. Die Heterogenität zu Beginn der gymnasialen Ausbildung hänge besonders davon ab, welche Rolle die englische Sprache im Alltag der Lernenden spiele. Auch im Fach Englisch sei zu Beginn oft weniger Verständnis für die Struktur der Sprache vorhanden. Viele seien fähig, die Strukturen schnell aufzunehmen, anderen falle es jedoch schwer, insbesondere die grammatikalischen Strukturen in ihr Vorwissen zu integrieren.
Als positive Auswirkung von Passepartout seien die Lernenden in beiden Sprachen mutiger im Umgang mit den sprachlichen Herausforderungen. Vor allem die mündliche Beteiligung, Spontaneität und Auftrittssicherheit seien gewachsen, und die Schülerinnen und Schüler trauten sich auch eher zu, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Weiterhin grosse Aufmerksamkeit erforderten die Sprachschwerpunkte, welche vor allem im korrekten schriftlichen Ausdruck erforderlich seien.
Diese neue Ausgangslage hat auch Auswirkungen auf die Konzepte der zweisprachigen Maturität in Französisch und Englisch an den verschiedenen Mittelschulen. Die zweisprachige Maturität steht unabhängig von der Wahl des Schwerpunkt- und Ergänzungsfaches allen offen. Am Gymnasium Thun werden im ersten Gymnasialjahr zwei Fächer entweder auf Französisch oder Englisch unterrichtet; ab dem zweiten Gymnasialjahr kommt ein drittes Fach hinzu. Dabei können die Lernenden die zweisprachig unterrichteten Fächer nicht selber auswählen. Zurzeit werden im ersten Jahr vor allem Geografie und Mathematik bilingual unterrichtet. Im zweiten Jahr folgen dann vorzugsweise Biologie, Chemie, Physik, Musik und Geschichte.
Die grosse Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, beim Eintritt ins Gymnasium jetzt ein Jahr jünger, ist motiviert und in der Lage, Grundlagenfächer in einer Fremdsprache zu besuchen. Der bilinguale Unterricht wird nach wie vor von jenen Schülerinnen und Schülern gewählt, welche sich eine Zusatzbelastung zutrauen und ein gutes fremdsprachliches Niveau haben. Frühzeitige Information zu den Angeboten an den Volksschulen und eine gute Selbsteinschätzung der Jugendlichen bewährt sich. So sind Wechselgesuche weg vom bilingualen Lehrgang selten. Das Wahlverhalten der Schülerschaft ist seit Jahren relativ konstant. Englisch wird von einer deutlichen Mehrheit der Lernenden gewählt.
Maturità bilingue tedesco (francese)-italiano im Kanton Bern
Ebenfalls ab Sommer 2017 sollte mit der Maturità bilingue die Chance genutzt werden, die Attraktivität des Italienischen im Hauptstadtkanton zu stärken. Die aktuell grösseren Italienischklassen deuten darauf hin, dass der richtige Weg eingeschlagen wurde. Das Konzept der zweisprachigen Maturität ist so gestaltet, dass die Mehrsprachigkeit der Schweiz besser genutzt werden kann – ein zentrales Thema gerade auch in der Kulturbotschaft des Bundes.
Eine Besonderheit ist sicher die vollständige Immersion für alle Schülerinnen und Schüler, welche Italienisch als Grundlagen- oder Schwerpunktfach belegen. Während dem gesamten dritten Gymnasialjahr besuchen sie ein Liceo Cantonale im Tessin. Partnerschulen sind Mendrisio und Bellinzona. Dass alle dabei in Tessiner Gastfamilien aufgenommen werden, bedeutet eine wertvolle Intensivierung des Lernerfolgs. So erleben sie hautnah den Alltag in der italienischsprachigen Schweiz und knüpfen rasch Kontakte mit Gleichaltrigen. Im Schuljahr 2019/2020 durfte der erste Jahrgang dieses wertvolle Jahr erleben. Nach der Rückkehr aus dem Kanton Tessin wird bis zur Maturitätsprüfung ein Fach in italienischer Sprache unterrichtet. Es handelt sich um das jeweilige Kunstfach (Bildnerisches Gestalten oder Musik); dieses wird zentral in Bern unterrichtet. Die bisherigen Erfahrungen sind vielversprechend. Mit der ersten Maturità bilingue im Sommer 2021 werden erste weiterführende Schlüsse gezogen.
Wichtige Pluspunkte der Maturità bilingua aus Schülerinnen- und Schülersicht:
– vollständig in die andere Kultur eintauchen;
– die Sprache von und mit Gleichaltrigen erlernen
– neue Freundschaften schliessen
– das Erreichen einer Zusatzqualifikation, ohne die eigene Ausbildung zu verlängern
Fremdsprachenprojekt Russisch
Nachdem das ordentliche Schwerpunktfach Russisch im Kanton Bern aus Spargründen für mehrere Jahre sistiert war, dürfen nun im Rahmen eines Schulversuchs wieder Maturitätszeugnisse mit diesem Schwerpunkt ausgestellt werden. Die beiden Gymnasien Thun und Bern Kirchenfeld gehen mit diesem Schulversuch neue Wege, indem sie eng zusammenarbeiten, die Kosten für das kleine Schwerpunktfach Russisch massiv verkleinern und einen Beitrag zur Begabtenförderung leisten. Dies auch in der Hoffnung, es werde sich zeigen, dass es sich durchaus lohnt, dieses Schwerpunktfach auch weiterhin anzubieten und zu fördern. Nach den beiden ersten Maturitätsjahrgängen 23g und 24g wird eine Evaluation stattfinden und ein erstes Mal über das weitere Vorgehen befunden.
Der erste Jahrgang ist im August 2019 mit 27 Russischschülerinnen und Russischschülern gestartet, welche dann nach GYM2 definitiv entscheiden werden, ob Sie eine Russischmaturität erlangen wollen. Die Schülerinnen und Schüler sind sehr motiviert und es zeigt sich, dass verhältnismässig viele mit schon bestehenden Beziehungen zu einer slawischen Sprache das Angebot nutzen werden. Der Russischunterricht wird seinen Platz auch didaktisch wieder unter den modernen Fremdsprachen finden: Kompetenzorientiert lernen und lehren, die Mehrsprachigkeit und ihre Didaktik nutzen sowie Strukturen an dieser stark flektierenden Sprache genau erklären und erfassen.
Es ist zu hoffen, dass dieses Angebot die Resonanz findet, um eine weitere Förderung des Faches Russisch im Kanton Bern zu ermöglichen.
Am Gymnasium Thun mit seiner langen bilingualen Tradition und seinem breiten zweisprachigen Angebot ist mittlerweile der Anteil Schüler/-innen, die einen solchen Lehrgang wählen, auf über 50% gestiegen. Die Gründe für die Beliebtheit der bilingualen Angebote tönen so:
«Die zweisprachige Matur ist eine logische Antwort auf die Herausforderung einer zunehmend vernetzten, mehrsprachigen Welt. Sie verknüpft elegant und effizient den Erwerb von Fachwissen und Sprache und fördert das Kulturverständnis.» (Hans-Ueli Ruchti, bis 2020 Rektor Gymnasium Thun)
«Ich habe viel neues Vokabular gelernt. Für mich aber fast noch bedeutsamer ist die Tatsache, dass ich durch die zweisprachige Matur die Fremdsprache mögen gelernt habe!» (Fabienne Schaufelberger, Schwerpunktfach Biologie und Chemie)
«Die zweisprachige Maturität ist eine Zusatzqualifikation, die bei späteren Bewerbungen (Studium, Praktika, Seminaren u. Ä.) ohne Zweifel positiv zur Kenntnis genommen wird.» (Armin Stähli, Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht)
Schüler/-innen-Stimmen zum bilingualen Englischunterricht
«I really liked the individual teacher’s explanations. He explained difficult words without immediately translating.»
«Sometimes it was really hard, however one good thing was, that interested students, who were willing to work, learned a lot.»
«I enjoyed watching videos from all over the world and I learned to understand many different English accents.»
«I now read internet pages much faster, since I had to read a lot.»
Pourquoi as-tu choisi la maturité bilingue? Voici quelques réponses des élèves
«On apprend surtout l’oral, ça c’est important pour la vie. Le français est très important pour moi parce que c’est une langue parlée en Suisse.»
«On apprend une langue nationale en pensant à d’autres choses… par exemple aux chiffres en maths ou aux nuages en géographie.»
«Les branches scolaires sont ainsi plus intéressantes pour moi.»
«Ça fait plaisir de parler librement et le français est très important en Suisse.»
«J’aimerais bien faire mes études en Suisse romande. On apprend à parler sans faire une année en Suisse romande ou à l’étranger.»
Statements von Lehrpersonen zur zweisprachigen Matur Französisch
«Kompetenzen, die im Rahmen des zweisprachigen Unterrichts erworben werden (rasch das Wesentliche verstehen, erhöhte Flexibilität im mündlichen und schriftlichen Ausdruck) wirken sich auch positiv auf das Erlernen anderer Fremdsprachen (Spanisch, Englisch, Italienisch) aus.»
«Französisch als eine unserer Landessprachen auf andere Weise als im normalen Sprachunterricht zu erlernen, ist eine grosse Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.» (Ursula Magni, Fachlehrerin Geographie und Französisch)
«Gute Sprachkenntnisse ermöglichen spannende Reisen und sind im schweizerischen Berufsmarkt ein klarer Bonus!» (Georg Imhof, Fachlehrer Mathematik)
«Immersion ist immer eine Denk- und Lebensschule.» (Suzanne Salvisberg, Fachlehrerin Geschichte und Französisch)
«Den selbstverständlichen Umgang mit einer zweiten Landessprache empfinde ich als grosser Bereicherung. Umso mehr freut es mich, über die Musik als universelle Sprache, mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam in die französische Sprache einzutauchen.» (Christa Gerber, Fachlehrerin Musik)
Statements aus Lehrerpersonen-Sicht zum bilingualen Unterricht auf Englisch
«Die langjährige Erfahrung zeigt, dass Schülerinnen und Schüler der bilingualen Klassen sicherlich nicht schlechtere Leistungen in den Sachfächern erbringen als jene in den Regelklassen. Eine langjährige Erfahrung mit Maturitätsprüfungen in verschiedenen Fächern auf Englisch kann dies belegen.»
«Durch den bilingualen Unterricht auf Englisch werden die Schüler und Schülerinnen gut auf ihre weitere Ausbildung an den Universitäten vorbereitet. Englisch wird an den Universitäten immer mehr als Forschungs- aber auch als Lehrsprache eingesetzt.»
«Der grosse Vorteil des bilingualen Unterrichts auf Englisch für meine Schüler und Schülerinnen ist, dass Sie lernen flexibel zu sein und dass es für sie keine Rolle mehr spielt, ob die Texte, die sie erhalten, auf Deutsch oder auf Englisch geschrieben sind. Dies hilft ihnen für ihr späteres Studium sehr, denn Englisch als Unterrichts- und Forschungssprache wird an den Universitäten immer wichtiger.» (Christian Kämpf: Fachlehrer Geschichte und Englisch)











































